
Die Band Grateful Dead gab es dreißig Jahre, und sie zeichnete sich durch eine große Kontinuität in der Besetzung aus, lediglich die Keyboarder starben ein paar mal. Jede Band hat natürlich einen Leader, auch wenn eine Hippieband erklärtermaßen keinen hat. Der charismatische Nicht-Führer der Grateful Dead war Jerry Garcia, erster Gitarrist, erster Sänger und Haupt-Songschreiber. Seine Rolle wurde ihm eigentlich auch nie streitig gemacht, und folgerichtig endete die Geschichte der Band mit seinem Tode im Jahre 1995.
Jerrys charakteristische Stimme und sein charakteristisches Gitarrengegniedel sind das Markenzeichen der Band. An ihm scheiden sich auch die Geister. Es mag schon mal nicht jeder wenn ein ganz normaler Song auf zehn bis zwanzig Minuten ausgedehnt wird, und selbst den, der es mag, wird nicht jedes Ergebnis überzeugen. Tatsache ist, daß nahezu jeder Song in jedem Konzert praktisch neu erfunden wurde und daher keine Fassung der des vorangegangenen Abends glich. Die zweite große Kontinuität dieser Band sind die Fans. Und sie liebten genau das. Die Band erlaubte ihnen das Mitschneiden jeden Konzertes, und so war das typische Bild eines solchen Konzertes, daß in den vorderen Reihen Wälder von Richtmikrofonen nach oben ragten, verbunden mit Tonbandgeräten, später Laptops, auf den Schößen der Taper. Diese Aufnahmen wurden vertauscht und verhandelt und sind heute dank des Internets leichter denn je zu bekommen.
Der entscheidende Anstoß für mich, diese Lieder in unsere Sprache zu überführen, war die hohe Qualität der Texte. Die Texte zu Jerry Garcias Liedern stammen ausnahmslos von seinem Freund Robert Hunter, der ein begnadeter Dichter ist und übrigens auch Rilke übersetzt hat, falls das jemanden interessiert. Robert Hunter verstand das Songschreiben für die Grateful Dead oft genug auch als ein Zwiegespräch mit seinem Freund, dem er auf diese Art Botschaften zukommen lassen konnte, wie man sie Auge in Auge nie sagen kann. Jerry Garcia wiederum inspirierten diese Texte dann zu wunderbaren Songs. Understatement ist übrigens alles: Jerry Garcia sagte, er hasse nichts so sehr wie das Komponieren, Robert Hunter meinte, seine Grateful Dead-Texte seien zu einundfünfzig Prozent pures Handwerk.
In den Sechziger Jahren hieß Jerry – auch offiziell auf dem ersten Album-Cover – Mr. Trips. Die Band wurde groß bei den berühmten Acid-Tests. 1967 gab es eine böse Razzia, bei der die LSD-Küche von SF hochgenommen wurde – der Koch war der Toningenieur der Band. Jerry hat nicht nur Trips geworfen. In den 80er war klar daß er ein Junkie war. Beim Rockpalast 1981 trägt er ein armfreies T-Shirt und zeigt ganz Europa seine blaugestochenen Armbeugen. So lernte ich die Band kennen.
Der gefährlichste Stuhl bei den Grateful Dead war der des Keyboarders: 3 Todesfälle in drei Jahrzehnten. Der erste Keyboarder, Gründungsmitglied der Band, starb mit 24 Jahren an Leberzirrhose aufgrund jahrelangen Alkoholmißbrauchs (andere Drogen hatte er nie angerührt). – Jerry Garcia starb 22 Jahre später an den Folgen seiner Heroinabhängigkeit. Er war noch keine 60, sah aber aus wie 80 (und klang zuletzt auch so). Die Bandmitglieder und Freunde konnten die Entwicklung die ganze Zeit mitverfolgen, versuchten aber erst sehr spät, sich einzumischen. Die hilflose Begründung hieß in etwa: „Es ist seine Reise, er ist der Kapitän.“ Der einzige, der immer wieder Botschaften adressierte, und zwar in den Texten für ihn, war sein Freund Robert Hunter. – Ich widme meine Version vom Grateful Dead-Song „Dire Wolf“ („Der schwarze Wolf“) einem verstorbenen Freund.
2009-06-22